Nichts als Gespenster
Judith Hermann Nichts als Gespenster (2003) 
Nichts als Gespenster ist ein Erzähband, der sieben Kurzgeschichten beinhaltet. Was mich besonders daran beeindruckt, ist Judith Hermanns Vermögen alltäglichen Dingen einen so schönen, poetischen Ausdruck zu geben, dass man den eigenen Alltag mit ganz anderen Augen zu sehen beginnt.
Hier eine Leseprobe aus Acqua alta, einer Erzählung, in der die Ich-Erzählerin ihren Eltern für einen Tag in Venedig begegnet:
Ich denke immer, wenn meine Eltern alt sind, will ich mit ihnen reisen. Vielleicht denke ich auch, wenn ich alt bin, will ich mit meinen Eltern reisen. Ich vergesse, daß sie schon jetzt alt sind, oder besser, ich verdränge es, ich denke, wir haben noch Zeit, ich verliere mein Zeitgefühl. Jedes Zusammentreffen mit meinen Eltern ist behaftet mit so etwas wie einer Unruhe. Hätte ich nichts Besseres zu tun, als mit meiner Mutter und meinem Vater auf dem Balkon zu sitzen und in dieser verfahrenen, gewohnten, unsinnigen Art und Weise mit ihnen zu sprechen? Sind da nicht andere Menschen, mit denen ich glücklicher wäre? Sitze ich hier nicht nur ihnen zuliebe? Und jeder Abschied ist begleitet von Reue und Traurigkeit, wie schön ist es doch eigentlich, mit ihnen zu sein, wie seltsam und wie vertraut. Und müßte ich nicht für immer zu ihnen zurückkehren, da ich von all dem anderen, vom ganzen Rest des Lebens doch nun ohnehin alles weiß. Ein neutrales Zusammensein, eines, in dem ich nicht unruhig, nicht reuig, nicht traurig bin, nicht auf dem Sprung und nicht bemüht, ihnen irgend etwas weiszumachen, gibt es selten. Warum wir auf dem Markusplatz so beieinandersitzen konnten, ein Vater, eine Mutter, ein erwachsenes Kind, nicht mehr und nicht weniger, kann ich nicht sagen.
(Acqua alta)

Nichts als Gespenster ist ein Erzähband, der sieben Kurzgeschichten beinhaltet. Was mich besonders daran beeindruckt, ist Judith Hermanns Vermögen alltäglichen Dingen einen so schönen, poetischen Ausdruck zu geben, dass man den eigenen Alltag mit ganz anderen Augen zu sehen beginnt.
Hier eine Leseprobe aus Acqua alta, einer Erzählung, in der die Ich-Erzählerin ihren Eltern für einen Tag in Venedig begegnet:
Ich denke immer, wenn meine Eltern alt sind, will ich mit ihnen reisen. Vielleicht denke ich auch, wenn ich alt bin, will ich mit meinen Eltern reisen. Ich vergesse, daß sie schon jetzt alt sind, oder besser, ich verdränge es, ich denke, wir haben noch Zeit, ich verliere mein Zeitgefühl. Jedes Zusammentreffen mit meinen Eltern ist behaftet mit so etwas wie einer Unruhe. Hätte ich nichts Besseres zu tun, als mit meiner Mutter und meinem Vater auf dem Balkon zu sitzen und in dieser verfahrenen, gewohnten, unsinnigen Art und Weise mit ihnen zu sprechen? Sind da nicht andere Menschen, mit denen ich glücklicher wäre? Sitze ich hier nicht nur ihnen zuliebe? Und jeder Abschied ist begleitet von Reue und Traurigkeit, wie schön ist es doch eigentlich, mit ihnen zu sein, wie seltsam und wie vertraut. Und müßte ich nicht für immer zu ihnen zurückkehren, da ich von all dem anderen, vom ganzen Rest des Lebens doch nun ohnehin alles weiß. Ein neutrales Zusammensein, eines, in dem ich nicht unruhig, nicht reuig, nicht traurig bin, nicht auf dem Sprung und nicht bemüht, ihnen irgend etwas weiszumachen, gibt es selten. Warum wir auf dem Markusplatz so beieinandersitzen konnten, ein Vater, eine Mutter, ein erwachsenes Kind, nicht mehr und nicht weniger, kann ich nicht sagen.
(Acqua alta)
slowberrine - 31. Jan, 15:27